Eine lebendige Naturgeschichte

1508 - 2008

Etwa 500 Jahre stand ein Baum, ein Bergahorn, auf ca. 1100m Höhe nahe dem Taubensee auf der Hirzingalm im Gemeindegebiet von Kössen in Tirol. 500 Sommer, 500 Winter, etwa 25 Menschengenerationen mit Hitze und Kälte, Sturm und Hagel, Regen und Schnee, erlebte er an seinem Platz mit Aussicht auf den Großvenediger und Großglockner. Wohl 7 Männer wären notwendig gewesen, um ihn zu umarmen. Nun hat auch ihn, der langsam gewachsen ist, das Schicksal alles Vergänglichen ereilt - er stirbt langsam. Tausende Bergwanderer nahmen an seinem Verfall im 20. Jahrhundert Anteil, indem sie in seiner Nähe verweilten und ihn fotografierten. Einer der Bergwanderer, der das Sterben des Baumriesens mitverfolgte, ist der Verfasser dieser Zeilen, der bildende Künstler Leo de Romedis aus Kössen. Jährlich fand ich mehr Gefallen an den Formen und Farben des von Wintergrün umrankten Baumes.

2008

Nachdem die Besitzer der Hirzingalm, Familie Hermann und Anni Landegger aus Kössen, die Zustimmung zur Bergung und „Veredelung“ erteilt hatten –„den kenz håbn“-, begann, bevor die Reste des Baumes zu Erde verfielen, eine begeisternde Rettungsaktion. Im Sommer des Jahres 2008 holten wir, Gemeindearbeiter und ich, einen Teil der Baumreste ins Tal. Kleinere Teile kamen zu mir unter Dach. Zwei größere Stücke liegen bzw. stehen in der Tischlerei Knoll zum Trocknen. Um den Baumresten in angemessener Weise zu begegnen, lud ich den Bildhauer Mag. Peter Nöbauer zu einer Betrachtung und Beurteilung des Holzes ein. Nach einem wunderbaren Intensivseminar mit Peter weiß ich viel über Konservierung sowie Veredelung und kann mit handwerklichem Geschick das Holz auch mit Werkzeug und Maschine bearbeiten. Die ersten fertigen Teile landeten gleich in der Haupt- und Volksschule Kössen zum Anschauen und Begreifen für Lehrer und Schüler. Nun war aber ein noch viel, viel größerer Teil des Baumes am Berg zurückgeblieben, vor allem ein. großer Ast – jener Ast, der jetzt in der Turnhalle zu bewundern ist. Diese gewaltige Holzmasse konnte nur mit Seilzug oder Hubschrauber geborgen werden. 2009 Nicht nur einmal waren meine Gedanken während des Winters beim Baum auf der Hirzingalm. Gleich im Frühjahr

2009

hielt ich Ausschau nach dem Zustand des über den Winter liegengebliebenen Holzes. Noch länger durfte der Baum nicht liegen bleiben. Ein Abtransport musste organisiert werden. Meine Suche nach einem Sponsor führte mich in die Raiffeisenbank Kössen. Nachdem ich mein Anliegen vorgebracht hatte, hörte ich mein Gegenüber Hans Peter Schwentner sagen: “Mir sponsern eigentlich nur Sportveranstaltungen, åwa, des gfoid ma, naxt Woch ,bei an schen Weda nimm i ma frei, do hoi man, den bam. Midn Trakta vo mein Bruada, der hod an Seizug.“ So war es dann auch. Mit seinem Kollegen Gerhard Meindl am Beisitz, ich mit meinem Privatauto, Fotoapparat, etc. (Schnapsei) und der Erlaubnis von Frau Anni Landegger zur Befahrung des Almweges, setzte sich der kleine Rettungskonvoi - Auto, Traktor mit Seilzug und Anhänger, Motorsäge, etc in Richtung Hirzingalm in Bewegung. Mit Staunen verfolgte ich die geübten Handgriffe der beiden „Bankiers“ und fotografierte fleißig. Bis auf einen kleinen Unfall - Gerhard blieb mit seinem rechten Zeigefinger an einem abstehenden Draht des Stahlseiles hängen, kamen wir gut voran.. Nach kurzer Operation mit Messer, Schnaps und Arnika D3 Globuli konnte es weitergehen. Schließlich waren alle Teile mit viel Geschick auf dem Anhänger platziert und transportsicher verzurrt. Auf der Talfahrt war ich sehr erleichtert - „das gute Stück“ war gerettet. Nach Absprache mit Herrn Bürgermeister Stefan Mühlberger, Hauptschuldirektor Josef Kurz und dem Schulwart Hannes Schwentner konnte der Ast von Gemeindearbeitern mit dem Hublader der Gemeinde unter der Pergola im Schulhof der Hauptschule über den Winter gelagert werden. Sicher vor Regen und Schnee würde der Ast dort trocknen. Nun begann die Suche nach einem würdigen, der Öffentlichkeit zugänglichen Standort. Die Voraussetzung dafür war die Begeisterung des Bürgermeisters: „Dieses schöne Stück Natur soll den Menschen in der Gemeinde erhalten bleiben“, waren seine Worte. Das war schon viel!

 

2010

Wie ein Wunder kam die Idee mit der neuen Turnhalle. Nachdem Herr Architekt DI Ernst Hasenauer den Rohling im Schulhof der Hauptschule im Frühjahr 2010 besichtigt hatte, gab er seine Zustimmung, die Plastik ins Stiegenhaus der Eingangshalle zu hängen. Nun folgte die Einladung der Gemeinde Kössen an Peter Nöbauer. Mit der großen Erfahrung des Bildhauers näherten wir uns im Teamwork Schritt für Schritt unserer Vorstellung vom Ast und dem, was das Holz von uns wollte. Als gleichberechtigte Partner im Dialog mit dem Ast hörten wir auf seine Stimme. Nach größeren Eingriffen mit Motorsäge, Spezialholzbearbeitungsgeräten und Schnitzeisen holte Herr Sepp Braito wie vereinbart die Holzplastik zum Sandstrahlen nach Reith bei Kitzbühel in seine Werkstatt. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die Chefsekretärin der Gemeinde Kössen Frau Leni Planer unbürokratisch die Kostenübernahme zugesichert hat. Vielen Dank Frau Planer für ihre Zustimmung und Weitsicht. Herr Sepp Braito war jedoch von unserer Naturplastik so beeindruckt, dass er für den Transport und das Sandstrahlen keine Rechnung stellte. Herzlichen Dank Herr Braito! In mehreren Arbeitsschritten schälte sich der Ast im heftigsten Sandsturm seines langen Lebens seiner endgültigen Form entgegen. Wieder zurück in Kössen begannen die Arbeiten für die Hängung in der Sporthalle. Der Vorschlag des Schlossermeisters Herrn Roman Huber aus Kössen ein Stahlrohr an einer Platte mit sechs Schrauben am Holz zu befestigen und mit einer Kette aufzuhängen konnte uns überzeugen. Nach der Montage erfolgte der Transport der ca. 300 kg schweren Holzskulptur zur Halle. Hier sei allen fleißigen Bauhofmitarbeitern der Gemeinde gedankt. Nun kamen die Mitarbeiter der Zimmerei Exenberger Kössen ins Spiel. Im Stiegenhaus der Turnhalle wurde ein Gerüst bis zur Decke aufgestellt und die gewichtige Plastik von sechs starken Männern über die Treppen des Stiegenhauses ins Kellergeschoß getragen. Dadurch wurde das Öffnen der Glasfassade vermieden. Im nunmehr letzten Teil der Arbeit ging es darum das Holz sicher in der Betondecke der Halle zu verankern. Dabei leistete ein Beleuchtungskörper wertvolle Mithilfe. Nachdem er abgenommen war, konnte ein Arbeiter durch die entstandene Lücke in der hängenden Holzdecke die entsprechende Verankerung in der Betondecke vornehmen. Nun folgten spannende Sekunden und Minuten. Von einem Flaschenzug getragen erhob sich der neue Bergahornast Zentimeter für Zentimeter, bis er von nun an wie schwerelos im Stiegenhaus schwebt. Zuletzt sei noch Christoph Dürnberger, ein Mitarbeiter der Schlosserei Huber, genannt. Er bediente den Flaschenzug und befestigte die tragende Kette mit Karabiner am Stahlrohr der Plastik. Nochmals herzlichen Dank für das Verständnis und die Mitarbeit an alle die am Gelingen des Hirzingalm Bergahorn Projektes beteiligt waren, sowie an die Firmen Exenberger und Huber, die ebenfalls ihre Dienste kostenlos zur Verfügung stellten.

Bilddokumentation 2008-2010:

www.hs-koessen.tsn.at (Menüpunkt Projekte -> Bildnerische Erziehung -> 500 Jahre alter Bergahorn

Leo.de.Romedis@gmx.at
www.de-Romedis.at

   

   

Standort

Die Bergung 2008

die Bergung 2009

Arbeiten am Baum

Sandstrahlen und Feuerschutzanstrich

Aufhängungsmontage

Transport in der Turnhalle